Der Arbeiterwohlfahrt Bezirksverband Schwaben e. V. betreibt 23 Pflegeheime in ganz Schwaben. Vier davon liegen im Landkreis Augsburg in Bobingen, Gersthofen, Königsbrunn und Schwabmünchen. Dieter Egger, Vorstandsvorsitzender der AWO Schwaben und zuständig für die Einrichtungen der Altenhilfe: „Im Bereich der stationären Pflege besteht ein enormer Handlungsruck! Unsere Heime sind gut geführt und wir können auf einen langjährigen Personalstamm zählen. Die Rahmenbedingungen machen es uns jedoch von Tag zu Tag schwerer, unserem Anspruch an eine hohe Qualität in der Betreuung und Pflege sowie den rechtlichen Anforderungen zu entsprechen.“ Die Präsidentin der AWO in Schwaben, Brigitte Protschka, mahnt: „Wenn sich die Bedingungen nicht bald verbessern und es intensive politische und gesellschaftliche Anstrengungen gibt, steuern wir auf einen Kollaps in der Pflege zu“.
„Unzumutbare Zerreißprobe“
Dass die Lage bei der AWO Schwaben derzeit noch relativ stabil ist, liegt vor allem an der jahrzehntelangen Erfahrung, der kontinuierlichen Weiterentwicklung der Konzepte sowie der Investitionen in Personal und Gebäude. Doch auch in den AWO-Pflegeheimen ist die Situation teilweise sehr angespannt. Brigitte Protschka: „Der allgemeine Personalmangel in der Pflege ist leider auch bei uns seit längerer Zeit angekommen. Wir können offene Stellen kaum noch besetzen. Mitarbeitende springen ein, um den Dienstplan abzudecken, die Krankheitsquoten steigen und die Belastung für die Teams in den Wohnbereichen wird immer größer. Besonders belastend ist es für die Pflegekräfte, wenn sie ihrem eigenen Anspruch an ihre Arbeit nicht mehr gerecht werden können. Das ist eine Zerreißprobe, die nicht zumutbar ist!“
Bayernweit sind zuletzt die Kosten für Pflegeplätze gestiegen. Wie ist bei der AWO derzeit die Preisentwicklung? Gab es auch Kostensteigerungen? Wenn ja, wieso?
Dieter Egger: „Auch in den Pflegeheimen der AWO Schwaben steigen die Kosten für Pflegeplätze. Als Träger müssen wir die entstehenden Kosten umlegen auf die Bewohnerinnen und Bewohner. Anders als private Anbieter, unterliegen wir als gemeinnütziger und mildtätiger Wohlfahrtsverband jedoch keinen Renditezielen von Aktionären oder Anteilseignern. Die Preissteigerungen je Pflegeplatz resultieren also aus den Kostensteigerungen. Dies gilt vor allem für den Energiebereich: Strom, Öl, Gas werden teurer. Neben diesen Sachkosten stehen die Personalkosten. Diese steigen mit jeder Tariferhöhung, was aus Sicht der Mitarbeitenden wünschenswert ist, sich aber ebenfalls auf die Kosten für die Bewohnerinnen und Bewohner der Heime auswirkt.“
Wie hat sich die Nachfrage nach Pflegeplätzen in den vergangenen Jahren entwickelt?
Brigitte Protschka: „Die Nachfrage ist weiterhin hoch. Viele ältere und pflegebedürftige Menschen sind auf eine stationäre Pflege und Betreuung angewiesen. Der Nachfrage können wir aber leider nicht ausreichend entsprechen, da aufgrund des Personalmangels nicht alle vorhandenen Plätze zur Verfügung stehen. In manchen Heimen müssen wir vorübergehend ganze Wohnbereiche schließen, da wir die Menschen nicht angemessen betreuen könnten.“
Haben Sie eine Warteliste? Wenn ja, wie viele Menschen warten aktuell auf einen Platz bei Ihnen?
Dieter Egger: „Es gibt Wartelisten der AWO-Seniorenheime. Wir können die Anzahl der Wartenden jedoch nicht beziffern, da sich die Pflegebedürftigen beziehungsweise ihre Angehörigen meist bei vielen Heimen unterschiedlicher Träger vormerken lassen, aus der Not heraus, einen Platz zu finden.“
Müsste sich Ihrer Meinung nach etwas Grundlegendes im Pflegebereich ändern? Wenn ja, was?
Brigitte Protschka: „Ja, es muss sich dringend etwas ändern! Erstens müssen wir von einer Misstrauenskultur gegenüber der Pflege in eine gesellschaftliche und politische Anerkennungskultur gegenüber den Menschen in Pflegeberufen kommen. Die Fachlichkeit und Wichtigkeit des Personals im Pflegebereich muss sich in der Wertschätzung und Bezahlung abbilden, um mehr Menschen in die Pflegeberufe zu bekommen.
Zweitens braucht es eine gesicherte Refinanzierung der entstehenden Kosten. Die Pflegeversicherung in Deutschland fängt das Risiko von Pflegebedürftigkeit nicht ausreichend ab, die Belastung der Pflegebedürftigen ist zu hoch. Dazu gehört zum Beispiel auch, dass die Ausbildungskosten bisher den Bewohnerinnen und Bewohnern verrechnet werden, ein Unding! Die Ausbildung von Pflegepersonal muss oberste Priorität haben und komplett durch den Staat finanziert sein.
Und drittens ist eine strukturelle Entlastung der Heimträger dringend geboten. Die Prüfbehörden sollten sich endlich untereinander abstimmen und eine angemessene Fachlichkeit vorhalten, anstatt die Abläufe im Heim zusätzlich zu belasten. Die Zahl der Vorschriften ist insgesamt zu hoch, die Kosten tragen aber die Träger. Bauliche Standards im Heimrecht werden nicht ausreichend refinanziert. Die AWO Schwaben ist hier enorm in Vorleistung gegangen, das lässt sich nicht ewig durchhalten. Unser Staat ist gefordert!“



